{"id":572,"date":"2022-03-19T18:15:49","date_gmt":"2022-03-19T17:15:49","guid":{"rendered":"https:\/\/test.akwg.rwth-aachen.de\/?page_id=572"},"modified":"2022-03-19T18:36:36","modified_gmt":"2022-03-19T17:36:36","slug":"9-akwg-tag-der-wissenschaftsgeschichte-2015","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/akwg.rwth-aachen.de\/?page_id=572","title":{"rendered":"9. AKWG-Tag der Wissenschaftsgeschichte [2015]"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-ast-global-color-6-background-color has-background\">Bereits zum neunten Mal organisierte das Aachener Kompetenzzentrum f\u00fcr Wissenschaftsgeschichte (AKWG), freundlich unterst\u00fctzt von proRWTH, einen Workshop, der dazu genutzt wurde, ein Spezialthema der Wissenschaftsgeschichte zu diskutieren. Dieses Treffen stand ganz im Zeichen der Zukunft: nicht nur als anthropologische Konstante, sondern vielmehr als eine mit ihrem gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld eng verkn\u00fcpfte Denkweise. Folglich lag der Fokus nicht allein auf der Frage, ob und wie die Geschichtswissenschaft die Zukunft exakt bestimmen kann, sondern dieser richtete sich darauf, die unterschiedlichen Pfade ausfindig zu machen, die Zukunft mit Gesellschaft und Wissenschaft verbinden.<br><br>In der Einleitung verdeutlichten schon die Organisatoren DOMINIK GRO\u00df (AKWG) und KLAUS FREITAG (Historisches Institut), dass eine Auseinandersetzung mit der Zukunft nur durch die Einbettung in ihr gesellschaftliches und kulturelles Umfeld stattfinden kann. Zukunft als Konzept spiele aber keineswegs erst seit der Moderne eine Rolle, sondern bereits in der Antike gab es erste Diskurse \u00fcber Zukunftsfragen, auch wenn eine zyklische Zukunftserwartung die antiken Historiker besonders fasziniert hat.<br><br>Die Referate zum Tagungsthema waren chronologisch angeordnet. SIMONE PAGANINI (Aachen) thematisierte in seinen Ausf\u00fchrungen \u201eZukunft\u201c als Erwartungshaltung in der Antike und speziell im Reich Israel. Er wertete Prophetie und Zukunftsprojektion nicht nur als Propagandamittel, sondern auch als Sozialkritik im Krisenfall. Die Propheten versuchten dabei sich durch eine r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Zukunftsperspektive, also die Best\u00e4tigung des Vorhergesagten durch das Eintreten von Ereignissen in der Gegenwart, zu legitimieren. Im Laufe von drei Krisen entwickelten sich aus der Zukunftsangst der Bev\u00f6lkerung erst eschatologische Hoffnungen. Deren Ausbleiben f\u00fchrte zu einer Erwartung der Apokalypse und schlie\u00dflich zu der Erkenntnis, Zukunft lasse sich ausschlie\u00dflich aktiv gestalten.<br><br>In seiner viel diskutierten Interpretation der De Officiis versuchte MARCUS HELLWING (Erfurt) Ciceros Zukunftsperspektive nach den Iden des M\u00e4rz 44 v. Chr. zu beleuchten. Dieser habe damals die Zeichen erkannt und aus ihnen auf Roms Zukunft als monarchisch gef\u00fchrten Staat geschlossen. Pr\u00e4gend daf\u00fcr sei nicht nur seine Anlehnung an den jungen Octavian, sondern auch sein Einsatz f\u00fcr die Beibehaltung von Caesars Verordnungen und dessen Dignitas gewesen. Cicero habe \u00fcber die De Officiis einen Weg gesucht, Octavian auf seine Zukunft vorzubereiten und ihn vor Fehlern zu bewahren. Indem er auf Caesars jungen Erben als Retter setzte, erf\u00fcllte sich Ciceros Zukunftsvorstellung, Freiheit und \u00dcberleben des Staates zu gew\u00e4hrleisten.Eine andere Zukunftsperspektive er\u00f6ffnete TOBIAS WINNERLING (D\u00fcsseldorf) mit seinem Blick auf Konservierungsstrategien in Gelehrtenkreisen der fr\u00fchen Neuzeit. Er legte dar, dass sie bewusst Diskurse \u00fcber die eigene Zukunftsgestaltung f\u00fchrten. Hierzu h\u00e4tten die gelehrten Autorit\u00e4ten \u2013 am Beispiel einiger niederl\u00e4ndischer Akademiker um 1700 \u2013 ihren eigenen Nachruhm dadurch zu bewahren gesucht, indem sie unver\u00f6ffentlichte Werke ihrer Vorg\u00e4nger oder Sammlungen lesenswerter Autoren publizierten. Eine weitere Strategie sei es gewesen, Person und Leistung des Vorg\u00e4ngers positiv herauszustellen und dadurch ihren eigenen Status und Ruhm als Nachfolger zu unterstreichen. Nicht nur Erinnerung, sondern vielmehr ewiger Nachruhm sollte durch diese Art der Zukunftsgestaltung erreicht werden.<br><br>Die Zukunftsvision von Kurt Eisner stand im Fokus des Vortrages von SVEN BRAJER (Dresden). Eisner folgte den Ideen des Neukantianismus wie des Pazifismus und arbeitete mit diesen Leitmotiven, angespornt von seiner anti-dynastischen, anti-militaristischen und anti-preu\u00dfischen Einstellung, an einer Revision b\u00fcrgerlicher Geschichtsschreibung. Gleichzeitig trieb ihn seine Kooperation mit den alten Eliten in eine ambivalente Position zwischen den politischen Fronten. So verwirklichte der kurzzeitige Ministerpr\u00e4sident des Freistaates Bayern zwar Reformen unter sozialistischen Gesichtspunkten, vermied aber eine Verstaatlichung der Industrie. Die Suche Eisners nach einem neuen Morgen in einer Zeit des Zusammenbruchs der alten Gesellschaftsstrukturen beendete dann sein Tod im Jahr 1919.<br><br>\u00dcber den Verfall alter Strukturen und den Umgang mit der Technik referierte GOTTFRIED SCHN\u00d6DL (L\u00fcneburg) mit seinem Blick auf die Philosophen Ernst Kapp und Oswald Spengler. Beide h\u00e4tten bestehende Bedeutungen von Technik und Zukunft neu definiert, indem sie die Technik der Natur und den Menschen anglichen. Werkzeuge (Organon) bzw. die Technik selbst h\u00e4tten letztlich nicht mehr die Aufgabe das Leben zu erleichtern, sondern nur zu erhalten, und diese produzierten auf diese Weise keine Zukunftsentwicklungen mehr. Statt Fortschritt durch Technik und den damit einhergehenden kausalen Zusammenh\u00e4ngen r\u00fcckte bei ihnen die eigenm\u00e4chtige Entwicklung in den Vordergrund. Zeichen dieser Zeit sei somit auch der Bruch mit gro\u00dfen Werken in der Wissenschaft gewesen (zu denen ihre Arbeiten ironischer Weise selbst z\u00e4hlten), hin zu einer Ausdifferenzierung und zu Einzelf\u00e4llen. Der Diskurs \u00fcber die Zukunft gestalte sich durch diese Zersplitterung bis heute ungleich schwieriger, weil nun eine gro\u00dfe Bandbreite m\u00f6glicher Zukunftsentwicklungen prognostiziert werden muss, so Armin Heinen (Aachen) in der anschlie\u00dfenden Diskussion.<br><br>Mit dem Vortrag von PETRA MISSOMELIUS (Innsbruck) erreichte die Tagung das digitale Zeitalter. Das Zusammenwirken von Bildung und Medien sei immer begleitet gewesen von Medienphobie und Technikpositivismus, die in den jeweils neuen Mitteln, vom Buchdruck bis zu den digitalen Medien, entweder Apokalypse oder Errettung sahen. Die Frage nach der Beherrschung dieser Medien sei immer begleitet gewesen von Zukunfts\u00e4ngsten, die aber letztlich von Beherrschung und Probleml\u00f6sungen abgel\u00f6st wurden. Die technische Entwicklung verursachte aber weder einen Verfall noch eine Revolution auf diesem Gebiet, sondern sei gepr\u00e4gt von vielen Fehlprognosen. Einen deutlichen Schlusspunkt setzte sie mit der Erkenntnis, dass das Zeitalter der digitalen Medien einen neuen Akt in dieser Auseinandersetzung er\u00f6ffnet, zumal die alten Medienbegriffe in der Welt der Digitalisierung nicht mehr recht greifen.<br><br>Mit der Frage nach Wirkung und Ruf des Radiums im letzten Jahrhundert besch\u00e4ftigte sich MATHIAS SCHMIDT (Aachen). Das Radium befl\u00fcgelte nach seiner Entdeckung rasch die Phantasie und Zukunftsvisionen unterschiedlicher Wissenschaften. Unz\u00e4hlige Wirkungen schrieb man diesem Mittel der Zukunft zu, von der Sch\u00f6pfung neuer Lebewesen bis zur Heilung von Krebs oder Lepra. Die Meinung der Medizin \u00fcber die zuk\u00fcnftige Verwendbarkeit sei gespalten ausgefallen und bedingt gewesen durch die Frage, ob und wie das Mittel dem eigenen Fach zu mehr Prestige verhelfe. Dem entgegen griff die Industrie recht schnell nach dem Zukunftsmittel &#8218;Radium&#8216; und verarbeitete es in den verschiedensten Produkten, selbst dann noch, als die Wunderwirkung des Radiums schon widerlegt war. Dieses Beispiel belege \u2013 so das Fazit \u2013 wie erwartungsvolle Zukunftsperspektiven sich in der Bandbreite von Verwendbarkeit bis N\u00fctzlichkeit entwickeln k\u00f6nnen.<br><br>Den Abschluss bildete das kurze Res\u00fcmee von ARMIN HEINEN (Aachen), in welchem er zwei Punkte herausstrich. Erstens sei bei den Menschen bereits fr\u00fch ein Bewusstsein von morgen entstanden, welches gef\u00e4hrdet und nicht nur eine Verl\u00e4ngerung des Jetzt, sondern auch als dessen Verbesserung gedacht war. Zweitens seien drei Zug\u00e4nge zur Zukunft m\u00f6glich: Als Begriff, als Diskurs oder als Kultur des Umgangs. Die vielen verschiedenen pr\u00e4sentierten Ans\u00e4tze, mit der Zukunft umzugehen, seien vor allem ein Zeichen f\u00fcr die Schwierigkeit einer Auseinandersetzung mit ihr. Fest stehe, dass es immer mehrere unterschiedliche Vorstellungen von Zukunft geben werde, die h\u00e4ufig von den Prognosen abweichen. Ebenso sei aber gewiss, dass man besser oder schlechter auf die Zukunft vorbereitet sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-ast-global-color-6-background-color has-background\"><strong>Konferenz\u00fcbersicht:<\/strong><br><br>Dominik Gro\u00df \/ Klaus Freitag (Aachen): Einf\u00fchrung.<br><br>Simone Paganini (Aachen): Kulturschock und Zukunftsbew\u00e4ltigung im antiken Israel. Was ist, wenn die Zukunft nicht besser wird?<br><br>Marcus Hellwing (Erfurt): Von den Pflichten eines zuk\u00fcnftigen Monarchen. Ciceros de officiis zwischen Voraussicht und Schadensbegrenzung.<br><br>Tobias Winnerling (D\u00fcsseldorf): Wie sichert man seinen Platz in der Zukunft? Zur Konstruktion akademischen Nachruhms um 1700.<br><br>Sven Brajer (Dresden): Kurt Eisner und sein sozialistischer Zukunftsentwurf.<br><br>Gottfried Schn\u00f6dl (L\u00fcneburg): Das fr\u00fche Ende der Geschichte. Zum biologistischen Technik- und Zukunftsdeterminismus um 1900.<br><br>Petra Missomelius (Innsbruck): Durch Medientechnologie induzierte Zukunftsdiskurse oder die Kontinuit\u00e4t eines medienwissenschaftlichen Topos in der Bildung.<br><br>Mathias Schmidt (Aachen): \u201e&#8230;die Zukunft werde dem Radium ein Zeitalter v\u00f6lliger Krankheitslosigkeit danken.\u201c Radium als medizinisches Wundermittel im 20. Jh.<br><br>Armin Heinen (Aachen): Zusammenfassung.<br><br>Tagungsflyer [PDF]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bereits zum neunten Mal organisierte das Aachener Kompetenzzentrum f\u00fcr Wissenschaftsgeschichte (AKWG), freundlich unterst\u00fctzt von proRWTH, einen Workshop, der dazu genutzt wurde, ein Spezialthema der Wissenschaftsgeschichte zu diskutieren. Dieses Treffen stand ganz im Zeichen der Zukunft: nicht nur als anthropologische Konstante, sondern vielmehr als eine mit ihrem gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld eng verkn\u00fcpfte Denkweise. 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